Nach fast drei Monaten in den Marquesas und den Tuamotus ist die Ankunft auf Tahiti fast ein kleiner Kulturschock. Die Insel ist insbesondere entlang der Küste so dicht besiedelt, dass der Himmel nachts eben auch hell erleuchtet wird. Der Verkehr, insbesondere im Hauptort Papeete und beim Flughafen Faa, ist ein Chaos mit täglichem Stau. Das Angebot in den riesigen Supermärkten ist überwältigend und entspricht dem, was man überall sonst in Europa antrifft (allerdings zu deutlich höheren Preisen, jedoch immer noch viel günstiger als Marquesas oder Tuamotus). Wir nehmen dies für ein paar Tage gerne an, sind aber dann auch froh, bald weiter ziehen zu können.
Pointe Venus
Wir landen am nördlichen Ende der Insel Tahiti, bei der Pointe Venus, und ankern dort in einer wunderbaren, grossen Bucht hinter dem Leuchtturm. Dieser wurde von Thomas Stephenson 1868 erbaut (durch Arbeiter aus Mangareva, also den Gambiers!). Er ist der Vater des Autors der Schatzinsel. Die Namensgebung kommt nicht etwa wegen der Südsee-Schönheiten, sondern weil James Cook hier 1767 den Transit der Venus vor der Sonne beobachtete. Auch die Bounty ankerte in dieser Bucht.
Wir gehen an Land und bewundern die schöne Bauweise des Leuchtturms, besuchen den Supermarkt in der Nähe und sind vom Angebot überwältigt. So können wir uns wieder einmal ausgiebig mit Salat, Gemüse und Früchten eindecken, aber selbstverständlich auch frischem Baguette. Ein wunderbares Strand-Cafe lädt zum Essen ein und wir ergreifen die Gelegenheit: Magret de Canard, sowie Spare Ribs vom Feinsten zaubern uns ein Lächeln ins Gesicht und bereichern unseren Hochzeitstag Nr. 38 (und 47 Jahre Partnerschaft). Wir nehmen den Aufenthalt recht ruhig, denn per 03.07. haben wir einen Platz in der Marina Taina zugesagt bekommen.















Wir besuchen die Crew der Salish Dragon, Derick und Barb, die während des Heimurlaubs von Steve und Tracey in Vancouver deren Schiff bewegen. Von Adam der SY Matabele bekomme ich zum halben Preis ein neues Positionslicht Backbord. Nachdem unseres immer mal wieder den Dienst versagte, kann ich es nun gleich mit einem LED-Licht ersetzen. Dies wird zwar eine ziemlich fummelige Angelegenheit, weil die Masse natürlich nicht ganz identisch sind und das Anschlusskabel neu eingezogen werden muss. Doch das Ganze gelingt, wir haben nun wieder ordentliche Lichter auf Nachtfahrten unter Maschine. Nun hoffe ich, dass Coco die anderen Lichter aus der Schweiz mitbringen wird, damit wir dann die anderen beiden Positionslichter auch noch durch LED’s ersetzen können.
Am nächsten Tag gehen wir gleich nochmals zum Mittagessen an Land zu Mama’s und lassen uns verwöhnen mit feinem Essen und einem leckeren Dessert. Wir erleben dort gleich noch die feierliche Kommando-Übergabe des auf Tahiti stationierten Regiments der französischen Landstreitkräfte. Als wir zur Shiva zurückkehren, kurvt ein Motorboot der Gendarmerie durchs Ankerfeld und fordert alle anwesenden Yachten auf, den Platz zu verlassen. Hmmm, hier zeigt sich erstmals, wie abweisend die Sociétés mittlerweile gegenüber Fahrtenseglern geworden sind. Die wollen lieber Upscale Touristen, die möglichst viel Geld in Luxus-Resorts liegen lassen. Der Gemeindepräsident von Matavai wolle keine Schiffe in seiner Badebucht (selbst wenn wir Hunderte von Metern entfernt liegen…). Wir erklären, dass wir sicher nicht 1h vor Sonnenuntergang wegfahren werden, sagen aber zu, bis Mittag des Folgetags weg zu sein. Dies akzeptieren die Gendarmes dann freundlich und ziehen von dannen. Adam mit seiner manövrierunfähigen SY Matabele kann ja für einige Zeit auch nicht weg.
Marina Taina
Am nächsten Tag segeln wir zwischen Riff und Land nach Südwesten, müssen ein kurzes Stück aussen am Industriegebiet von Papeete vorbei um dann in den Rade de Papeete einzulaufen. Hierzu müssen wir uns die Freigabe von «Vigie» per Funk einholen, die problemlos gewährt wird. Weitere Freigaben müssen wir anfordern, um die Pistenachse des Flughafens Faa im Osten und dann im Westen zu kreuzen. Wir kommen an den Dutzenden von Yachten vorbei, die im Airport Anchorage liegen (das offiziell eigentlich auch nicht mehr zulässig wäre … haha … wo sollten die denn alle sonst hin?). Die Einfahrt und das Anlegen in der Marina Taina werden eine Herausforderung, denn unser Bugstrahlruder geht ja nicht mehr, die Batterien sind tot. Als ich versuche, rückwärts in den zugewiesenen Platz zu steuern, bläst uns der starke seitliche Wind von über 20kn den Bug herum. Ich fordere das Dinghy der Marina auf, unseren Bug herumzudrücken und damit gelingt das Anlegen perfekt. Wir werden vom Wind an das benachbarte Boot gedrückt und können uns mit zwei Mooringleinen nach vorne und zwei Heckleinen auf den Kai «römisch-katholisch» vertäuen. Es braucht viele Fender um den Druck aufs Nachbarschiff abzufedern, doch schliesslich liegen wir gut fest.
Es ist so viel einfacher, nun in einer Marina zu liegen und direkt vom Schiff aus an Land gehen zu können. Unser letztes Anlegemanöver war im April 2024 in Panama! Doch schon bald sehen wir auch die Nachteile, wie schmutziges, mit Oel und Benzin versetztes Wasser, klappernde Falle, viel Licht und weiterer Lärm der quitschenden Fender und stöhnenden Festmacher. Wir bleiben also höchstens so lange wie nötig. Die Salish Dragon mit Derek und Barb liegen auch hier, am Kopfende des Kais in der Einfahrt zur Marina und bekommen dort zusätzlich den ganzen Schwell der durchfahrenden Boote ab.
















Am nächsten Tag kann ich mit dem Fahrrad das Mietauto beim Flughafen abholen. So können wir ohne grosse Anstrengung unsere Einkäufe erledigen. Unsere Vorräte aus Panama sind weitgehend aufgebraucht, der Tiefkühler fast leer. So kommen dann einige Runden Einkäufe im nahe gelegenen Carrefour zusammen, die wir dann mit Auto und Einkaufswagen recht bequem zurück zum Schiff befördern können. Allerdings braucht es auch nicht extrem viel, die Vorräte sind nur bis zu den Cook Islands resp. Tonga ausgelegt, also die nächsten 2-3 Monate. Diese Einkäufe summieren sich auf gut 1300CHF … darin ist aber auch wieder reichlich Bier und Wein enthalten. Zudem haben wir neu nun einen AirFryer an Bord! Wir müssen für knusprige Pommes nicht einmal mehr an Land!
Das Wetter ist lausig, es regnet immer wieder in Strömen, also ideal für unser Programm mit mehrheitlich Aufenthalt im Mietwagen oder im Supermarkt. Bei einem Chandler bekommen wir zwei Stück alte Ankerkette, die wir für das Anlegen auf den Cook Islands zum Schutz der Festmacher benötigen werden. Zudem finden wir auch Ersatz für die beiden Batterien des Bugstrahlruders zu einem akzeptablen Preis. Bei Decathlon finden wir ein neues SUP, und zwar dasselbe Modell das wir ursprünglich einmal hatten und uns 2023 in Mallorca geklaut worden ist. Dessen Ersatz, den wir aufwändig in Olhau beschafft hatten ist geplatzt, resp. die Klebestellen hatten sich aufgelöst.
Als es zwischendurch einmal etwas aufhellt, reicht es zu einer kurzen Wanderung zum Croix de la Mission hoch über Papeete. Auch haben wir schon lange voraus Tickets für das Heiva ergattert, die grosse Feier Polynesicher Kultur hier in Papeete. Doch am Abend des 4.Juli, als die Vorstellung steigen sollte, werden wir am Eingang abgewiesen. Die Vorstellung vom Vortag werde heute nachgeholt, unsere sei auf den 5.7. verschoben. Nun denn, auch gut, denn es schifft in Strömen und wir sind schon jetzt klitschnass. Am nächsten Abend wäre es zwar schön, aber kein Mensch beim Festgelände an der Strandpromenade. Wir erfahren durch Passanten, dass die Vorstellung nochmals um 2 Tage auf Dienstag 07.07. verschoben sei. Allerdings haben wir keine Ahnung, wie man dies hätte erfahren können, denn hier steht nirgends etwas davon … es zeigt sich, dass dies ausschliesslich über Facebook vom Veranstalter kommuniziert wird. Nun, jetzt sind wir zumindest dafür gerüstet.
Wir wollen wegen dieser Verschiebung nicht nochmals die Automiete und den Platz in der Marina verlängern. Stattdessen planen wir, ins Airport Anchorage zu verlegen. Nach den ersten drei Monaten hat der Generator bereits über 200h auf dem Zähler, also steht ein Oel- und Filterwechsel an. Dabei stelle ich fest, dass die Halterung des Ausgleichsgefäss für die Kühlflüssigkeit gebrochen ist. Auch die Handpumpe zum Absaugen des Altoels versagt ihren Dienst. Also mache ich mich mit Rückgabe des Mietwagens am anderen Morgen auf den Weg zur Industriezone von Papeete, mit dem Fahrrad … im strömenden Regen. Keines der vielen besuchten Geschäfte kann mir Ersatz für die Oelpumpe bieten. Ich muss die auch in die Schweiz bestellen und auf die Dienste unserer kommenden Crews hoffen. Hingegen werde ich zum Schweissen der Halterung bei einer Werkstätte fündig. Der Meister ist fasziniert davon, dass jemand über den Pazifik segelt und zeigt sich hilfsbereit. Sein Schweisser erledigt den Job mit grossem Berufsstolz und erledigt das Ganze für ein Trinkgeld. Grossartig! Nach der Rückkehr zum Schiff (nass bis auf die Haut!) checken wir aus der Marina aus, ich baue den Generator wieder zusammen und wir machen uns bereit. Doch diesmal bläst der Wind aus der Gegenrichtung mit bis zu 25kn. An ein Ablegen ist nicht zu denken Das Bugstrahlruder hat nun zwar neue Batterien bekommen, doch will der Motor infolge eines Kurzschlusses immer noch nicht.
















Erst am nächsten Morgen ist es in der Marina wieder vollkommen ruhig. Rasch lösen wir die Leinen, können ruhig und kontrolliert aus der engen Mooring zwischen zwei grösseren Schiffen heraus gleiten und hinüber zum Fuel Dock verlegen. Dort tanken wir 425lt Diesel auf, also waren unsere Tanks immer noch mehr als zur Hälfte voll, sowie etwas Benzin fürs Dinghy. Danach verlegen wir hinüber zum Airport Anchorage, das etwas näher zur Stadt Papeete liegt. Der Ort ist an sich wunderbar hinter dem Riff geschützt, wäre da nicht der Lärm und Gestank des Flughafens im Rücken. Aber was solls, heute abend ist Heiva und morgen gehts dann weiter. Und ausserdem hat die Schweizer Nati an der Fussball-WM die Qualifikation ins Viertelfinal geschafft, zwar knapp, aber lieber so als knapp nicht (wie so oft).
Heiva i Tahiti
Der Weg vom Airport Anchorage nach Papeete ist weit, etwa 3NM. Unser kleines Dinghy mit 6PS Motor braucht dazu über eine halbe Stunde. Doch, es schafft’s! Vorher begrüssen wir noch kurz Berthold von der SY Traumfänger, den wir in Hiva Oa kennen gelernt haben. Er hat diverse Reparaturarbeiten an der Elektrik offen, für die er sich fast etwas zu stark gefordert fühlt. Ich versuche ihn etwas zu unterstützen, hätte auch diverse Teile als Ersatz verfügbar. Doch im Wesentlichen will er lieber auf die von seiner Partnerin aus Deutschland dann mitgebrachten Teile warten. Beim Anlegen an seiner Yacht treibt Brigitt mit dem Dinghy zügig weg … ich muss ihr schwimmend hinterher und bin danach einmal mehr klitschnass. Gut habe ich etwas Wechselkleider im Rucksack eingepackt.
In der Marina Papeete liegt die Salish Dragon mit Steve und Tracey, die aus Kanada zurück sind. Sie sehnen sich nach Brändi Dog und wir zelebrieren ein paar heftig umkämpfte Runden, bevor es dann gemeinsam zur Vorführung der Heiva losgeht. Die beiden Tickets für Derick und Barb konnten wir für sie weiterverkaufen, denn ihre Crew flog bereits am Montag 6.7. wieder nach Hause und verpasste so das Spektakel.


















Es wird ein wunderbarer Abend, den wir so nicht zu erwarten wagten. Wir sassen in der ersten Reihe auf der Tribüne an der rechten Seite der grossen Bühne und hatten so eine fast uneingeschränkte Sicht (abgesehen von den davor platzierten Fernsehkameras). Die Show war schlicht überwältigend! Da tanzen Hunderte von Tänzerinnen und Tänzern in orchestrierter Choreo und farbenfrohen, aus natürlichen Materialen erstelltem Kopf- und Körperschmuck. Eine grosse Perkussionsgruppe erzeugte einen gewaltigen Klangteppich mit Pauken, Trommeln und den traditionellen Holzröhren, die sie mit atemberaubender Geschwindigkeit traktierten. Die Frauen wackelten ausgiebig und grossem Tempo mit den Hüften, die Männer schwenkten dazu ihre Knie im selben Rhythmus auf und zu. Was müssen wohl die ersten Besucher dieser Inseln gedacht haben, als sie diese Darbietungen erblickten. Sei es James Cook mit seiner Endeavour, sei es Bligh mit der Bounty. Verwundert es da noch, dass die Mannschaft nicht mehr zurück ins neblige England wollte und stattdessen meuterte? Die jeweils besten Tänzerinen und Tänzer der jeweiligen Truppe boten eine Solo Darbietung, die mit lautem Gekreische des Publikums quittiert wurde. Die grosse Truppe wechselte mehrmals ihrer Kostüme für jeden neuen Auftritt. Es war schlicht eine wahre Orgie für Auge und Ohr. Private Aufnahmen waren während der Aufführung nicht gestattet, jedoch stellte Veranstalter auf Facebook danach eine Auswahl von Bildern zur privaten Verwendung zur Verfügung. Die Bilder stammen also nicht von uns, doch wäre es zu schade, diese vorzuenthalten.
Nach der Aufführung gingen wir fast schweigend zurück zur Marina und fuhren nach Verabschiedung von Stave und Tracey im Dunkeln mit unserem Dinghy zum weit entfernten Ankerplatz. Wir waren noch lange danach ziemlich geflashed.













