Wir haben die Wahl, nochmals die selben Atolle zu besuchen wie letztes Jahr. Alles ziemlich sichere Werte. Oder wir probieren etwas Neues aus. Wir entschlossen uns zu Letzterem, denn Rangiroa ist mittlerweile viel zu restriktiv (ein einziger zugelassener Ankerplatz), Toau etwas überlaufen. Allein von den auf NoForeignLand registrierten Yachten liegen über 10 im kleinen Passe Tehere (aka Blind Pass). Aber insbesondere sind unsere Erfahrungen mit den neu besuchten Plätzen in Raroia, Makemo und Tahanea schlicht grossartig. Also los!
Raraka … im Sturm (54NM, davon 47 gesegelt)
Wir wetterten den Durchzug einer Front am geschützten Ankerplatz im SE von Fakarava ab. Doch gleich bei erster Gelegenheit gingen wir Anker auf und machten uns auf den Weg ins nur wenige Meilen im Norden liegende kleine Atoll von Raraka. Wir erwischten eine sehr gute Ausfahrt durch den S-Pass von Fakarava mit kaum Strömung, doch draussen erwartete uns recht kräftiger Wind von 20-25kn und über 2m hohe Wellen. Mit der kleinen Fock und dem Gross im 2. Reff konnten wir jedoch hart am Wind den Kurs auf die SE-Spitze von Fakarava halten und diese runden. Danach ging es flott bei Halbwind nach Norden. Wir erreichten die Einfahrt ins Atoll kurz vor 15h, wie erhofft. So sollten wir eigentlich einlaufende Strömung sehen, doch bei diesen Windverhältnissen war dies natürlich nicht gegeben. Doch gegen 2-3kn Strom kamen wir gut duch den Pass ins Innere des Atolls. Die Einfahrt war durch zwei Seezeichen in Linie gut gekennzeichnet (wobei die vordere der Stangen ordentlich schief auf dem Riff stand). Ein kurzer Moment der Anspannung kam auf, als die Anzeige des Tiefenmesser unter 2m sank … ich war etwas zu früh auf das Seezeichen im Innern eingeschwenkt anstelle weiter auf der bezeichneten Kurslinie zu verbleiben.








Ein kurzer Versuch. einen Ankerplatz im SE des Atolls anzulaufen mussten wir gleich verwerfen. Gegen Wind und Welle kamen wir nur mit 3kn voran, hätten also nochmals 3h gebraucht. Also drehen wir ab und finden in der Nähe einen netten Ankerplatz hinter einem Riff in einer kleinen, türkisfarbenen Lagune innerhalb der grossen Lagune. Hier liegen wir relativ ruhig, wenn auch der Wind weiter pfeift und selbst hier noch etwas Schwell über das vorgelagerte Riff läuft. Ein einsames Fischerboot liegt hier ebenfalls vor Anker, der Ort muss also gut sein.
Am nächsten Tag bläst es immer noch heftig. Wir haben so keine Lust auf Schnorcheln, es wäre wohl eh zu trüb und rollig. Zumindest wage ich mich, das Dinghy hinüber ans Ufer zu rudern. Dort machen wir einen kleinen Rundgang durch die Kokos-Plantage. Ganz offensichtlich wird hier immer noch fleissig Copra geerntet. Doch heute scheint niemand auf der Insel zu sein. Wir sammeln einmal mehr ganz viel angeschwemmten Plastik ein, in der Hoffnung den dann am nächsten Tag im Dorf ordentlich entsorgen zu können. Innert Kürze kommen zwei 35lt Säcke voll Pet-Flaschen, Deckeli, Gummisohlen und Reste von Harassen zusammen.







Am nächsten Tag bläst es immer noch kräftig. Wir verlegen die kurze Strecke hinüber zum Dorf auf der anderen Seite der Passe. Doch dort ist der Quai voll der See ausgesetzt und hohe Wellen branden über dessen Mauer. An Land zu gehen kann man schlicht vergessen. Wir ankern ein erstes Mal vor dem Dorf in der Nähe des Strandes. Da kommt uns ein Einheimischer in seinem Motorboot entgegen und empfiehlt, unseren Ankerplatz weiter nach draussen zu verlegen hinter einen grossen Bommie mit einem Seezeichen. Er zeigt uns freundlicherweise die Stelle mit seinem Motorboot. Gut bekommen wir den Anker halbwegs rasch wieder hoch. Es braucht dazu jedoch einige Anläufe, da sich die Kette einige Male um Felsbrocken am Grund verfangen hat und der starke Wind extrem viel Druck macht. Doch schliesslich kommen wir hin und liegen relativ ok. Klar ist für uns, dass wir am selben Tag noch auslaufen werden. Zumindest können wir nun in Ruhe das zweite, entscheidende Spiel der Schweizer an der Fussball-WM gegen Bosnien-Herzegowina am Radio mitverfolgen. Wir freuen uns über den verdienten 4:1 Sieg, der das etwas blamable Startspiel gegen Qatar gut zu kompensieren vermag.
So verabschieden wir uns nach dem Mittagessen bereits wieder von Raraka und rauschen mit über 10kn durch den Passe zurück in die offene See. Bei diesen Verhältnissen bringt uns der Aufenthalt hier nicht allzu viel und ist abgesehen davon auch nicht erholsam.
Kauehi – unterschätztes Kleinod? (28NM, davon 17 gesegelt)
Die Passage nach Kauehi ist kurz und dank achterlichem Wind sehr angenehm. Zwar blöst es weiterhin mit rund 20kn, und so kommen wir mit der Genua allein schon auf 6-7kn Fahrt. Nach 2.5h sind wir bereits vor der Einfahrt angekommen, was laut der Prognose günstige Verhältnisse bedeuten sollte. In der Tat werden wir nun von einem mit 2kn einlaufenden Strom durch den Passe gezogen, doch innen stehen da einige recht bedrohlich wirkende Wellen. Der starke Wind gegenan bildet steile Wellen über fast die ganze Breite der Einfahrt. Selbst mit einem Kurs ganz nahe am östlichen Rand werden wir etwas durchgeschüttelt, aber es kommt dann doch gut. Unter Maschine fahren wir an die NE-Seite des Atolls um einen windgeschützten Ankerplatz zu erreichen. Gut ist dieser nur 4NM entfernt, sodass wir nach einer Stunde den Anker hinter einem Palmenstrand im Sand versenken können.






Am nächsten Tag lässt der Wind etwas nach, sodass wir das Dinghy ausrüsten und zu einem Schnorchelplatz im Innern der Lagune fahren. Dieser ist von einigen Cruisern über den grünen Klee gelobt worden, doch wir sind nicht gross beeindruckt. Das Wasser ist etwas trüb, die Sichtweite damit etwas eingeschränkt. Es hat recht viele Fische, doch nichts Spezielles und auch die Korallen sind sosolala. Also fasse ich den Entschluss zu einem Spaziergang hinauf zum Dorf, das etwa 4NM entfernt liegt. Brigitt bleibt lieber an Bord. Eine Fahrstrasse führt durch eine endlos lange Kokos-Plantage entlang der Lagune. Immer wieder etröffnen sich schöne Ansichten über die Lagune mit diversen Schattierungen von Türkis und Blau. Doch andererseits sind alle Gebäude auf dem Weg zerstört oder scheinen aufgegeben. Auch sind zahlreiche Palmen von Stürmen geköpft worden. Hier wird offensichtlich kein Copra mehr geerntet.
Nach knapp 1.5h komme ich im kleinen Dorf an, der einzigen Siedlung auf diesem Atoll. Viel ist hier nicht los … man hört einen Generator brummen, der die Elektrizität für die Siedlung erzeugt, ein paar Leute winken freundlich vom Mittagstisch. Der Laden ist um die Zeit geschlossen, der Snack-Shack wurde aufgegeben. Eigentlich hätte ich ja schon etwas Hunger, habe aber nur Wasser mitgebracht. Am Dock ist eine Grossbaustelle. Dort wird ein grosser Débarcadère gebaut, wohl mit sehr viel Geld aus der kolonialen Heimat Frankreich. Ob sich das je rentiert? Am Kopfende des Docks sitzen ein paar Fischer in ihrem Motorboot und trinken Bier. Ich geselle mich zu ihnen und beginne einen Schwatz. Sie empfangen mich äusserst freundschaftlich und bieten mir Bier an. Wir unterhalten uns angeregt über alles Mögliche. Auch zu rauchen gibt es im Überfluss, jedoch nicht jenes Zeug, das andernorts aus dem Automaten kommt. So erfahre ich, das der Bootseigner am frühen Morgen aus Raraka herübergefahren ist und einen grossen Kanister (sicher 2-300kg) voll Fisch hergebracht hat. Er konnte alles bis auf den letzten Rest im Dorf verkaufen. So begiesst er nun mit seiner Crew und Freunden vom Dorf den erfolgreichen Tag. Er bietet mir an, auf seinem Rückweg mich auch gleich zurück zur Shiva zu bringen. So kann ich mir den etwas langwierigen, der Sonne ausgesetzten Rückweg ersparen. Doch dafür drängen sie mich immer wieder, ein weiteres Bier einzuwerfen … und dies auf nüchternen Magen. He nun, es wird ein wirklich sehr unterhaltsamer Nachmittag.
















Wie zugesagt löst er nach gut 2h Sauferei die Leinen und er brettert mit unglaublicher Geschwindigkeit über die Lagune. Nach weniger als 10′ bin ich wieder zurück an Bord der Shiva, verabschiede mich herzlich von den neu gewonnenen Freunden und wünsche ihnen zur doch knapp 30NM langen Rückfahrt alles Gute. Innert 40′ habe er dies zurückgelegt, meint der üppig beleibte Bootsführer. Statt eines Benzintanks führt er gleich ein 200lt Fass offen auf dem Deck mit, in das er den Benzinschlauch seiner 225PS starken Maschine eingetaucht hat. Bei Ankunft wird das dann leer sein. Vor ein paar Tagen geschah ein schrecklicher Unfall in der Lagune von Fakarava, den wir über die Medien mitbekamen. Da ging einem Taxi-Boot auf dem Weg vom Südpass zurück ins Dorf Rotoava der Sprit aus. Der Bootsführer rief zu Hause an und so machte sich jemand mit einem zweiten Motorboot auf den Weg, um ihm Benzin vorbeizubringen. Allerdings war die Sonne mittlerweile, es war stockdunkle Nacht mit nur ganz schmalem Mond. Weder er noch das zweite Boot hatten irgendwelche Positionslichter … und so geschah, was in solchen Fällen geschehen kann: Das in voller Fahrt heranrauschende Motorboot krachte in das wartende, im Dunkeln treibende Boot hinein. Der jugendliche Lenker (19Jr) wurde in hohem Bogen ins Wasser geschleudert. Selbst nach intensiver, zwei Tage anhaltender Suche hat man seinen Körper bis heute noch nicht gefunden. Bei den an jenem Tag herrschenden Bedingungen mit starkem Wind und Seegang selbst innerhalb der Lagune vermag dies nicht zu überraschen. Tragisch, aber letztlich fahrlässig selbst verschuldet von beiden Beteiligten Bootsführern.
Schwimmend hole ich unser Dinghy vom Strand zurück zur Shiva und nüchtere mich von diesem heftigen Nachmittag aus. Am nächsten Morgen bläst es wieder kräftiger und der Schwell an unserem Ankerplatz beginnt ungemütlich zu werden. So verlegen wir ein kurzes Stück von 4NM nach Süden an einen besser geschützten Platz im Atoll.












Der Ankerplatz ganz im Süden von Kauehi ist einmal mehr ein Kleinod! Wir ankern im Sand auf 5m Tiefe und liegen hier ruhig, wenn auch der Wind weiterhin mit weit über 20kn pfeift. Zumindest besuchen wir das kleine Motu gegenüber mit dem Dinghy rudernd. Es ist bald einmal umrundet. Die Farbschattierungen im Wasser und in den Durchgängen zwischen den Inselchen sind einmal mehr bezaubernd. Im klaren, flachen Wasser schwimmen jede Menge Baby Sharks, deren schwarze Spitze der Rückenflosse immer mal wieder hervorlugt. Neugierig nähern sie sich unseren Füssen, zischen aber dann gleich wieder erschreckt davon. Am anderen Morgen ist es ein klein wenig ruhiger, sodass wir den auf der Seekarte vermerkten Schnorchelplatz vom Schiff aus erkunden. Es hat recht viele Fische und eine interessante Szenerie von diversen Korallenköpfen. Allerdings sind die Korallen nicht so vielfältig und dicht, wie wir es an anderen Orten bisher gesehen haben. Wir entdecken eine Muräne, die an verschiedenen Stellen aus einem Felsen den Kopf herausstreckt. Auch die Sharks sind unterwegs, wie sollte es anders sein? Aufgrund unseres etwas gedrängten Plans machen wir uns danach auf den Weg ins nächste Atoll, nach Aratika.







Aratika mit den engen Pässen (46NM, davon 44 gesegelt)
Die Ausfahrt aus Kauehi erwischen wir perfekt bei sehr ruhigen Verhältnissen und lassen sie unter gesetzter Genua hinter uns. Die Maschine läuft zur Sicherheit mit, wir brauchen sie diesmal aber nicht. Auf offener See setzen wir noch das Gross im ersten Reff und kommen so mit gut 7kn schnell voran. Schliesslich wollen wir gegen 15h beim Passe im Westen von Aratika ankommen. Bei meist 20kn Wind und mehr baut sich zwischen den Atollen eine recht hohe See auf, Brigitt leidet wieder einmal unter Seekrankheit. Aber sie kann dies zum Glück gut wegstecken. Wir erreichen den Passe sogar noch etwas früher als geplant und bergen die Segel. Die Einfahrt sieht ruhig aus, wenn auch ein ordentlicher Strom entgegenkommt. Unter Maschine mit normaler Drehzahl steuere ich hinein und folge peinlich genau der durch die beiden Seezeichen im Innern vorgegebenen Kurslinie. Die Fahrrinne ist sehr schmal, vielleicht 20-30m an der engsten Stelle. Gleich daneben erkennt man bedrohlich nahe die Korallen. Der auslaufende Strom erreicht etwa 5-6 kn, doch im ruhigen Wasser lässt sich dies gut steuern und mit etwas mehr Schub halten wir immer gut 1.5kn Fahrt in Richtung der Lagune. Dies kommt einem extrem langsam vor, die Seezeichen kommen nur unmerklich näher, … aber wir kommen vorwärts. Zudem bremst auch auch der Wind, der uns nun mit 20kn auf die Nase pfeift. Erleichtert im Innern angekommen drehen wir um ein Riff herum und finden hinter einem weiteren zwei Moorings vor. Wir packen gleich die erste und liegen kurz vor 16h fest. Angekommen!











Am nächsten Morgen hoffen wir im Passe zu schnorcheln, doch zur Zeit, in der allenfalls eine einlaufende Strömung herrschen sollte beobachten wir immer noch auslaufenden Strom. Zudem bläst auch der Wind immer noch kräftig, also können wir dies vergessen. So verlegen wir an die Ostseite des Atolls, wo es einen weiteren, ehr abenteuerlichen Passe hat, sowie eine Perlfarm. Nach kurzer Fahrt unter Maschine durch die Lagune können wir auch dort wieder eine Mooring aufnehmen. Wieviel komfortabler dies doch gegenüber einem Ankermanöver ist!
Mit dem Dinghy fahren wir am Nachmittag hinüber zur Perlfarm. Wir werden freundlich empfangen. Leider haben sie ihre Ernte an Perlen bereits vollständig verkauft. Wir bekommen dafür ein paar abgeerntete Austern-Hälften mit glänzender Innenseite aus Perlmutt. Daraus wollen wir dann zu Hause eine schöne Dekoration basteln. Ein Rundgang um die beiden Morus beim E-Passe führt uns auch durch die Ruinen des früheren Dorfes, das 2004 aufgegeben und an die Nordseite des Atolls verlegt worden ist. Die Kirche hingegen ist noch perfekt erhalten, mit wunderschönen Lampenschirmen aus Austern und anderen Muscheln. Am Passe sehen wir das Wrack eines Seglers, der bei der versuchten Durchfahrt auf dem Riff gestrandet ist. Nun dient er wohl als wirkungsvolle Abschreckung, diesen Passe besser nicht zu versuchen. Ich lasse auch wieder mal die Drohne steigen und bekomme so ein paar schöne Bilder von oben. Allerdings erschwert der kräftige Wind das Fliegen und ich muss mich hüten, dass sie mir nicht weggeweht wird und ich sie verliere.























Am anderen Morgen machen wir uns wieder auf den Weg zu unserem letzten Atoll in den Tuamotus, nach Tikehau. Dies erfordert einmal mehr eine Nachtfahrt, liegt es doch gut 170NM im NW. So hoffen wir es bei guten Verhältnissen bis zum nächsten Morgen zu erreichen. Die Durchfahrt durch den Passe dort ist vor 13h günstig, dies sollte also zu schaffen sein. Also los!